Mensch. Mythos. Memoria – Exposé zur Tagung

Albrecht von Wallenstein gilt als eine der faszinierendsten Figuren des Dreißigjährigen Krieges. Seiner schillernden Persönlichkeit, aber auch seinem Mythos im Wandel der Zeiten will sich die Tagung in einem interdisziplinären und methodisch multiperspektivischen Zugriff nähern. Unter dem Titel „Mensch. Mythos. Memoria“ wird mit dem Dreißigjährigen Krieg zunächst jene Bühne beleuchtet, auf der Albrecht von Wallenstein in Erscheinung trat: der Alltag des Krieges, die Strategien der Militärs, die Finanzierung der Truppen, ihre Ausrüstung, ihr Leben und Sterben. Gegenstand der Überlegungen wird natürlich auch Wallenstein selbst sein: zunächst der streitbare Mythos, der sich schon zu Lebzeiten um die Figur des Generalissimus rankte und in Flugschriften, Bildern, Liedern, Chroniken und Gedichten verbreitet wurde. Zur Sprache kommt dann aber natürlich auch der Mensch Wallenstein, der als glänzender Feldherr und Organisator in Erscheinung trat, bei aller Ratio aber auch zu den Sternen Zuflucht nahm und offenbar je länger desto mehr an seinen Krankheiten verzweifelte. Schließlich widmet sich die Tagung der Memoria Wallensteins, d.h. der Erinnerung an den Feldherrn, wie sie in der internationalen Geschichtsschreibung, der Literatur und den Künsten über die Jahrhunderte gepflegt und schließlich in Museen, Denkmälern und Geschichtsevents bis heute vergegenwärtigt wird. Das Programm der Tagung ist international und interdisziplinär angelegt; eine Mischung aus Nachwuchsforschern und etablierten Wissenschaftlern soll den aktuellen Stand der Forschung abbilden, Desiderate aufzeigen, methodische Schwierigkeiten sichtbar machen und die Diskussionen um eine Zentralgestalt der mitteleuropäischen Geschichte voranbringen. Dabei soll der sich ergänzende, wesentlich selbstreflexiv gedachte Zugriff auf Mythos und Erinnerungskultur die Ambivalenz jeder historischen Beschäftigung mit der WallensteinGestalt sichtbar machen. Denn Wallenstein erscheint den Organisatoren der Tagung zugleich als schillerndes Diskursphänomen und als machtvolle historische Größe. Die Beiträge zu dieser Tagung werden in einem repräsentativen Band publiziert. Pünktlich zum Jubiläumsjahr 2018 (400 Jahre Beginn des Dreißigjährigen Krieges) soll damit eine umfassende Synthese des aktuellen Forschungsstandes zu Wallenstein vorliegen.


Sektionen:

1 Kriegsalltag 2 Wallenstein-Bilder im 17. Jahrhundert 3 Wallensteins Persönlichkeit und Selbstverständnis 4 Wallenstein-Rezeption 5 Erinnerungskulturen


1 Kriegsalltag Die erste Sektion der Tagung widmet sich dem Alltag des Krieges in unterschiedlichen Facetten. So wird mit der Finanzierung des Krieges ein Thema angesprochen, das die Menschen unmittelbar berührte: Um die Kosten des Krieges aufbringen zu können, entschieden sich zahlreiche Landesherren schon 1618 zu einer massiven Münz- und Währungsmanipulation, die bis 1623 anhalten sollte. Die „Kipper- und Wipper-Zeit“ wurde zur größten Inflation in der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches – eine Inflation, in der ein Münzkonsortium in Böhmen, dem auch Wallenstein angehörte, große Gewinne machte. Nicht zuletzt dank dieser Gewinne konnte Wallenstein die Grundlagen für sein militärisches System legen: Indem er seine Grundherrschaft Friedland in eine Produktionsstätte für Kriegsgerät vom Zwieback zur Kanone ausbaute, sicherte er selbst die Versorgung seiner Truppen. Hinzu kam allerdings das gefürchtete Kontributionssystem, unter dem Freund wie Feind im ganzen Reich zu leiden hatte – dass Abgaben erpresst wurden, dass, in Wallensteins berühmtem Wort, der Krieg den Krieg ernährte, prägte eben auch den Alltag der Menschen. Aber nicht nur die Ausrüstung und Versorgung der Truppen und die Logistik und Finanzierung des Krieges werden in dieser Sektion diskutiert. Auch die militärischen Strategien und mit ihnen die militärhistorische Bedeutung des Großen Krieges sind zu behandeln: Schließlich stellte der Dreißigjährige Krieg mit seiner Abkehr von den tief gestaffelten Tercios und Gewalthaufen nicht nur einen Schritt hin zur späteren Lineartechnik dar. Zugleich beschleunigten die Erfahrungen erst mit der unkontrollierbaren Soldateska, dann mit den „gartenden“ Söldnern, die nach dem Ende der Schlachten als abgedankte, oft invalide, verrohte Gesellen durch die Lande zogen, die Hinwendung der europäischen Monarchen zum stehenden Heer mit Drill und Disziplin. Noch aber dominierte das Söldnerheer das Geschehen. Wie wir aus Tagebüchern, Briefen und anderen Selbstzeugnissen von Söldnern wissen, haben viele von ihnen ganz Europa zu Fuß durchquert und dabei mehrfach die Seiten gewechselt. Auch ihren alltäglichen Erfahrungen wird sich die Sektion widmen. Zur Sprache könnte dabei ebenfalls die Ordnung der Geschlechter kommen, hätten die Männer ohne ihre Frauen im Tross den Krieg doch nicht führen können. Und schließlich wäre auch das Leben und Sterben der Zivilbevölkerung anzusprechen. Denn obschon die Masse der Menschen nicht an direkter Gewalt, sondern an Seuchen und Krankheiten im Gefolge von Mangelernährung und Einquartierungen starben, stellte der Große Krieg doch für alle eine dramatischen Einschnitt dar. Die Schlachtfeldarchäologie kann zeigen, was über die Lebensumstände der Söldner von der Bekleidung bis zur Ernährung über ihre Rituale, Talismane und magischen Praktiken bis hin zu den Todesursachen in der Schlacht in Erfahrung zu bringen ist.

2 Wallenstein-Bilder im 17. Jahrhundert Die zweite Sektion der Tagung befasst sich mit zeitgenössischen Darstellungen Wallensteins. Naturgemäß kann man je nach Konfession, Stand, Zielgruppe und Involviertheit der Autoren ins Kriegsgeschehen ganz unterschiedliche Facetten des Politiker und Kriegsherrn erleben. In diesem Zusammenhang erscheint es eindrücklich, wie verbreitet tatsächlich Wallenstein-Abbildungen schon zu Lebzeiten waren. Der Digitale Portraitindex verzeichnet allein 111 unterschiedliche Stiche Wallensteins, darunter schon ca. 30 aus dem 17. Jahrhundert. Zu den ikonographisch einprägsamsten gehören sicher die weit verbreiteten Kupferstiche von Matthäus Merian d. Ä. – Die Ermordung des Grafen Wallenstein in Eger am 15. Februar 1634 (1644) – von Peter Isselburg und von Wolfgang Kilian. Auch wenn die einschlägige Forschung noch längst nicht alle Abbildungen erfasst hat, zeigt die bislang bekannte hohe Anzahl von kursierenden Stichen doch die Popularität des Feldherrn. Hinzu kommen noch Gemälde, die zwar nur relativ wenige Zeitgenossen im Original gesehen haben, die aber bis heute unsere Vorstellung von der äußeren Erscheinung Wallensteins stark beeinflussen, etwa das berühmte Herrscher-Portrait des englischen Hofmalers und Portrait-Fachmanns Anthony van Dyck (1630) oder dessen Variante durch Pieter de Jode d. J. (ca. 1630). Noch Julius Schorr von Carolsfeld orientiert sein Portrait (1823) an van Dycks Vorlage. Auch die zeitgenössische Literatur würdigt, kritisiert aber auch Wallenstein immer wieder und trägt so zu seiner Bekanntheit im 17. Jahrhundert erheblich bei. Zu nennen sind etwa das anonyme Gedicht Wallensteinius Herodes (1634), die lateinisch verfasste, später von Herder übersetzte Wallenstein-Ode des Jesuiten Jacob Balde als vielleicht tiefsinnigstem Beispiel der zeitgenössischen Poesie, dann das streitbare, stark moralisierende Gedicht Als der Herzog von Friedland zu Eger war ermordet (1634) des protestantischen Pfarrers Johann Rist oder die zuerst italienisch erschienene Biographie Historia della vita di Alberto Valstain, Duca di Fritland (1643) von Gualdo Priorato. Beachtet werden müssen zudem einige zeitgenössische Volkslieder und vor allem die sehr große Anzahl von kontroversen und zum Teil ausgesprochen polemischen Flugblättern und Flugschriften. Das VD 17 verzeichnet allein etwa 100 unterschiedliche Titel. An erster Stelle müssen natürlich die den Mord verteidigende Apologia Unnd Verantwortungs-Schrifft (1634) und die darauf reagierende anonyme Flugschrift Über die Einkommende Advisen der Mörderischen Gewaltthat (1634) genannt werden. Unerlässlich erscheint schließlich die Aufarbeitung des durchaus differenziert gestalteten Wallenstein-Bildes in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung, etwa im Theatrum Europaeum oder in der anonymen Zeitung von Wallensteiner (1634).

3 Wallensteins Persönlichkeit und Selbstverständnis Die Persönlichkeit Wallensteins galt bereits seinen Zeitgenossen als rätselhaft und war damit ein Ausgangspunkt der zahlreichen Bearbeitungen des Wallensteinthemas in den unterschiedlichsten Medien und Künsten, führte aber auch in der Forschung zu verschiedenen Deutungen, in denen die politischen Zielsetzungen und Motive Wallensteins, insbesondere die Frage nach seinen politischen Ambitionen und seinem „Verrat“, immer wieder differenten Bewertungen ausgesetzt waren. Dazu trug bereits sein steiler Aufstieg bei, der ihn als kaiserlicher Generalissimus aus dem böhmisch-mährischen Adel in den Stand eines Reichsfürsten führte, der im Herzogtum Friedland eine musterhaft verwaltete Nachschubbasis für seine militärischen Unternehmungen schuf und mit den beiden Herzogtümern Mecklenburg den Ausgangspunkt für weitausgreifende Pläne in Norddeutschland zu besitzen schien. Schon bei den Zeitgenossen wurden der maßlose Ehrgeiz und unersättliche Machthunger des zeitweilig überaus erfolgreichen Kriegsunternehmers zu einem Topos, der sich seither in unzähligen Variationen durch die wissenschaftliche und nichtwissen- schaftliche Literatur zieht. Vor allem aber beziehen sich die unterschiedlichen wissenschaft- lichen Deutungen auf das zweite Generalat Wallensteins seit April 1632, als sein eigenstän- diges militärisches und politisches Vorgehen nach der Schlacht bei Lützen am Kaiserhof in Wien Irritationen hervorrief, die schließlich zu seiner Absetzung und Ermordung in Eger führten. Die Frage, ob der Herzog von Mecklenburg und Friedland jenen „Verrat“ am Kaiser beabsichtigt habe, mit dem der Wiener Hof sein Vorgehen zwangsläufig begründen musste, oder ob er, loyal zu Kaiser Ferdinand II. stehend, das Opfer einer Intrige wurde, in der sich unter anderem der Einfluss der Vertreter des spanischen Hofes und der Jesuiten in Wien geltend machte, war ebenso immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen wie die Suche nach im weitesten Sinne psychologischen Erklärungen für sein Zaudern. In der dem Kriegsunternehmer und Feldherrn, dem Fürsten und Politiker, schließlich dem Menschen Wallenstein gewidmeten Sektion soll zum einen dessen „Persönlichkeit“ in den Blick genommen werden. Dabei ist es notwendig, auch jene Aspekte einzubeziehen, die in der Vergangenheit immer wieder als mögliche Erklärungen für das scheinbar widersprüchliche und rätselhafte politische und militärische Handeln Wallensteins herangezogen wurden. Es sollen damit zum einen sein Glauben an die Astrologie, insbesondere an die von Johannes Kepler erstellten Horoskope, zum anderen aber auch seine schmerzhafte(n) Krankheit(en) in den Blick genommen werden, deren vermutete persönlichkeitsverändernden Auswirkungen als Erklärung für sein Verhalten in den letzten Monaten vor seiner Ermordung dienten. Zugleich aber sollen jene Aspekte behandelt werden, die eigentlich der Ausgangspunkt und die Grundlage für Wallensteins politisch-militärische Wirksamkeit waren: seine Leistungen als Organisator des Krieges und militärischer Unternehmer, sein Wirken als „Politiker“ und „Diplomat“, schließlich sein Verwaltungshandeln als böhmisch-mährischer Magnat und Reichsfürst, der seinen umfangreichen Herrschaftsbesitz mit ausgesprochen modernen Mitteln einer ebenso effizienten wie gewinnträchtigen Administration unterwarf: Nicht nur Persönlichkeit und Charakter, sondern vor allem auch die Bedingungen, aus denen heraus Wallensteins geschichtliches Wirken möglich war, sollen damit in den Blick genommen werden.

4 Wallenstein-Rezeption Die vierte Sektion soll sich mit Aspekten der sehr vielfältigen modernen Wallenstein-Rezeption befassen. Denn kaum eine Figur der mitteleuropäischen Geschichte hat so unterschiedliche Nachbildungen in allen Sparten der Kunst erfahren wie der böhmische Feldherr. So hat sich schon Friedrich Schiller in gleich zwei großen und sehr wirkungsmächtigen Projekten der Wallensteinfigur genähert: in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges (1791-93) und seiner berühmten Dramen-Trilogie (1798–99). Die Geschichtsdramen Wallensteins Lager, Die Piccolomini und Wallensteins Tod dürften nicht nur die Präsenz des Feldherrn auf der Bühne, sondern überhaupt unsere Vorstellung vom Menschen Wallenstein bis heute geprägt haben. Dies ist erstaunlich, da zentrale Figuren und Ereignisse – etwa Max Piccolomini und seine Liebe zu Thekla (eigentlich Marie Elisabeth) – von Schiller frei erfunden wurden. Wallenstein-Aufführungen wurden in Deutschland immer wieder zu viel diskutierten (nationalen) Ereignissen: So wurde mit Wallensteins Lager 12.10.1798 programmatisch das umgebaute Weimarer Hoftheater unter Leitung Goethes wiedereröffnet. Von Goethe selbst stammten einige Strophen des Soldatenliedes, mit dem das Lager ursprünglich einsetzte und die Idee das Drama in mehrere Stücke zu teilen. Ein Musterbespiel einer historistischen Inszenierung von Wallensteins Lager findet 1881 in Meiningen statt. In neuerer Zeit sind die Wallenstein-Aufführungen von Lindtberg im Burgtheater von 1959 oder die der Ruhrfestspiele 1961 legendär; beide Inszenierungen sind auch als Hörfassungen erschienen. In jüngster Zeit gilt die textgenaue Berliner Inszenierung von Peter Stein aus dem Jahre 2007 als viel diskutiertes Theaterereignis. Wichtige Wallenstein-Darsteller waren u.a. Wolfgang Heinz, Klaus Maria Brandauer oder Gert Voss. Schillers Wallenstein war zudem die Grundlage für Hörspiele (1961 / Heinrich Koch) und Hörbücher (2011 / Peter Stein, 2004 / Ewald Balser). Auch kann Schillers Trilogie zu den meist übersetzten Texten des Klassikers zählen (etwa ins Lateinische oder Japanische). Im Bereich des Romans gehört zweifellos Alfred Döblins im Ersten Weltkrieg entstandener Wallenstein (1920) zu den (freilich auch umstrittenen) Meisterwerken. Dabei stehe – so der Autor – der Name des Feldherrn paradigmatisch für das ganze Zeitalter. Gelesen wurde der einerseits expressionistisch wirkende, andererseits durch seine Detailverliebtheit befremdende Roman aber als Parabel auf die großen Kriege des 20. Jahrhunderts. Döblins Epilog von 1948 legt eine solche Lektüre nahe. Beispielhaft diskutieren kann man hier den Gebrauch des historischen Materials, das trotz seiner montageartigen Verwendung, laut Döblin ganz in den Dienst der Dichtung genommen werde. Golo Manns Biographie Wallensteins (1971) hält sich zwar enger an die bekannten Fakten, doch schon die Titelformulierung „Sein Leben erzählt von“ referiert – als Thomas Mann-Zitat – auch bei ihm auf das Dichterische des Unternehmens. Golo Manns viel beachtete Biographie war die Grundlage des ZDF-Vierteilers von Franz Peter Wirth (1978 mit Rolf Boysen als Wallenstein). Immerhin sahen fast 10 Millionen Zuschauer den ersten Teil der Fernsehproduktion. Der eher experimentelle ‚Volxfilm‘ des Mitmach-Projekts Wallensteins Lager kam 2010 in die deutschen Kinos. Die musikalische Rezeption Wallenstein scheint ebenfalls nicht unwesentlich durch Schillers dramatisches Gedicht inspiriert worden zu sein. Zumindest gilt dies für die symphonische Dichtung Wallensteins Lager (op. 14, ca. 1856–61) des tschechischen Nationalkomponisten Bedřich Smetana, für Joseph Gabriel Rheinbergers Sinfonie Wallenstein (op. 10, 1866) oder für die Oper Wallenstein (1937) des Prager Komponisten Jaromirs Weinberger. In den 1970er Jahren nannte sich sogar eine deutsche Rockband um den Musiker Jürgen Dollase nach dem böhmischen Feldherrn Wallenstein (Rockpalastauftritt 1978), nachdem der ursprünglich gewählte Name Blitzkrieg gleichzeitig von einer englischen Band beansprucht wurde.

5 Erinnerungskulturen Die letzte Sektion der Tagung ist der internationalen Erinnerungskultur rund um Wallenstein gewidmet. Dabei gilt ein besonderes Augenmerk dem Gedenken Wallensteins in der populären Geschichtsschreibung kriegsbeteiligter Länder (Tschechische Republik, Schweden) und Regionen (Böhmen, Franken) sowie in bis heute unterschiedlichen konfessionellen Kontexten (evangelisch, katholisch). Den zentralen Komplex der kommerziellen Nutzung und Verbreitung historischer Stoffe versteht die Tagung als prägenden, wenn auch durchaus problematischen Teil der gegenwärtigen Erinnerungskultur, worunter mit Hans-Günter Hockerts probeweise die „Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte in der Öffentlichkeit“ verstanden werden kann; sie kreiert, transportiert und popularisiert historische Bilder, die nicht zuletzt auf ihre Marktgängigkeit zugeschnitten werden und den historischen Stoff dem oft beliebig wirkenden Zugriff aktueller Sinnstiftungs-, Konsum- und Unterhaltungsbedürfnisse unterwerfen. Die „rätselhafte“ Persönlichkeit Wallensteins, der Wallenstein-Mythos und die auf die Farbigkeit der Söldnerkleidung reduzierten die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und erweisen sich deshalb in besonderem Maße als geeignet für eine vermarktungsfähige Adaption. Zum heute mehr und mehr relevant erscheinenden Bereich der touristischen Nutzung der Historie zählen Erinnerungsevents, wie die Wallensteinfestspiele in Altdorf, aber auch ähnliche Veranstaltungen in Stralsund, Eger (Cheb) und der „Wallensteinstadt“ Friedland in Böhmen (Frýdlant v Čechách), wo 1934 und 2011 Wallenstein-Denkmäler enthüllt wurden, die ebenso wie das Grab Wallensteins in Münchengrätz (Mnichovo Hradiště) und die Benennung von Straßen und Plätzen wie in der ehemaligen Residenzstadt des Herzogtums Friedland Gitschin (Jitschin, Jičín) als Ausdruck der international durchaus differenten Erinnerung an den kaiserlichen Generalissimus verstanden werden sollten. Als Thema der Sektion erscheint zudem die Kommerzialisierung des Wallenstein-Mythos: Die Verwendung von Wallenstein-Konterfeis in der Werbung, die touristische Nutzung des Namens etwa in dem von Marktredwitz nach Eger (Cheb) führenden Wallenstein-Radwanderweg oder die Adaption des Stoffes in Spielen zeigen die ungebrochene Eignung der historischen Gestalt zur Vermarktung und Popularisierung. Ihr soll die museale Darstellung Wallensteins und des Dreißigjährigen Kriegs gegenübergestellt werden, die, wie etwa die Ausgrabungen in Wittstock und die auf ihnen beruhenden medizingeschichtlichen Erkenntnisse zeigen, in den vergangenen Jahren auf der Basis der Schlachtfeldarchäologie neue Möglichkeiten erhielt.


Veranstalter: Philosophische Fakultät der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg in Zusammenarbeit mit der Nürnberger Versicherung und der Stadt Altdorf

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Birgit Emich, Prof. Dr. Dirk Niefanger, Prof. Dr. Georg Seiderer